Mythen und Fakten zur Strafbarkeit von Inzest...

Das Wort Inzest löst bei  vielen Menschen blitzartige Reaktionen und Gewissheiten aus. Urteile in Sekundenbruchteilen. Bei Betrachtung der Fakten gerät diese Gewissheit oft ins Wanken. Viele Diskussionen in Internetforen zeigen den enormen Aufklärungsbedarf sowohl bezüglich der tatsächlichen Rechtslage als auch der Unterschiedlichkeit der Fälle von inzestuösen Beziehungen. Diese Faktenübersicht soll helfen, Licht in das Dunkel zu bringen:

Verbreitete Überzeugung:

Rechtslage und Fakten und Quellen:

§173 verbietet sexuelle Übergriffe in Familien (Missbrauch von Unterlegenen)

§173 verbietet ausschließlich Beischlaf (Eindringen des Penis in den Scheidenvorhof), alle anderen Sexualpraktiken stellt er nicht unter Strafe. Sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Geschwistern sind ebenso wenig strafbar wie zwischen Adoptivgeschwistern.

· §173 Gesetzestext: http://dejure.org/gesetze/StGB/173.html

· Abendblatt: Inzest bleibt strafbar: http://www.abendblatt.de/daten/2008/03/14/858269.html

wenn §173 abgeschafft würde, ginge es in vielen Familien hoch her und der Bruder würde über die Geschwister herfallen.

 

§173 greift nicht bei Jugendlichen unter 18 Jahren sondern gilt erst ab 18 Jahren. Darunter ist Beischlaf nicht strafbar. Aller Missbrauch in Familien (und darüber hinaus) wird von anderen Strafnormen verfolgt: §174 (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen); §176 (Sexueller Missbrauch von Kindern) abgedeckt; § 176a (Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern); §177 (Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung); § 179 (Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen).

· Die ZEIT: Prof. Renzikowski: http://www.zeit.de/online/2008/12/inzest-urteil

Inzest ist abartig und krank. Wer mit Verwandten schläft ist gestört.

Wenn Verwandte in ihren ersten Lebensjahren getrennt voneinander aufwachsen, entwickeln sie keine natürliche Inzesthemmung. Nicht-Verwandte, die zusammen in dieser Zeit aufwachsen, gehen nur sehr selten eine erotische Beziehung ein. Getrennte Verwandte die sich später im Leben begegnen, können sich also genauso ineinander verlieben, wie  einander fremde Menschen. Durch ihre genetische Nähe ist ihre Anziehung sogar noch höher. Adoptionsforen nennen dies „GSA“ (genetic sexual attraction) und beziffern die Anzahl der wieder zusammen geführten Verwandten, die sich ineinander verlieben auf bis zu 50%. Geschmacksfragen bezüglich Partnerwahl lösen bei Menschen oft Abscheu und Ablehnung aus. Strafrecht fragt, ob ein konkretes Rechtsgut verletzt wird. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Urteilsbegründung vermieden, das schützenswerte Rechtsgut im Falle von Inzest zu benennen. Daher rührt die scharfe Kritik von Strafrechtsexperten.

· Rhein-Zeitung: „Glücklicher Inzest“   http://rhein-zeitung.de/on/97/04/23/topnews/inzest.html

· THE GUARDIAN:  http://www.guardian.co.uk/theguardian/2003/may/17/weekend7.weekend2

· Verfassungsrechtliche Kritik am BVG-Urteil von Prof. Tatjana Hörnle, Uni Bochum: www.verbotene-liebe.info/x.pdf

· Die ZEIT: Prof. Renzikowski: http://www.zeit.de/online/2008/12/inzest-urteil

Wenn §173 wegfällt, dann ist als Nächstes auch Sex mit Tieren und Kannibalismus erlaubt.

Ob es gefällt oder nicht: Es gibt in Deutschland weder gegen Kannibalismus noch gegen Sex mit Tieren Gesetze. Inzestgesetze wurden in Frankreich 1810 und seither in vielen anderen Ländern gestrichen, ohne dass ein beobachtbar anderes Sexual-Verhalten der Bürger in diesen Ländern gegenüber Deutschland zu verzeichnen sei.

· http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,276637,00.html

§173 soll vor Erbschäden in der Gesellschaft vorbeugen. Die Norm ist gerechtfertigt, weil sie einen großen gesellschaftlichen Schaden gegen kleinere individuelle Einschränkungen abwägt.

§173 verbietet nicht das Zeugen von Kindern in Inzestbeziehungen sondern Beischlaf unter Verwandten. Künstliche Befruchtung ist z.B. nicht strafbar.

Unabhängig davon kritisierte die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik das Urteil des BVerfG als sachlich falsch: Der Genpool der Bevölkerung wird durch Inzest in keiner Weise verändert. Kinder aus Inzestverbindungen wie etwa zwischen Schwester und Bruder haben kein höheres Risiko als andere Risikogruppen wie Frauen über 40, denen der Beischlaf nicht verboten ist.

Das Grundgesetz der EU verbietet alle eugenischen (erbhygnienischen Praktiken), also auch erbhygienische Begründungen von Gesetzen.

Behinderte haben seit dem BVerfG-Urteil über §173 und dessen eugenische Begründung Angst vor Fortpflanzungsverbot.

· Deutsche Gesellschaft für Humangenetik: Stellungnahme: www.gfhev.de/de/startseite_news/2008_GfH_Stellungnahme_Inzestverbot.pdf

· ZDF am 22.10.2008 http://abenteuerwissen.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,7393104,00.html?dr=1

· Das Grundgesetz der EU: http://www.politische-union.de/Eu-Charta.doc

· Reaktionen von Behinderten: http://www.behindertenparkplatz.de/cl/2008/03/13/920/#omments

Inzest ist ein weltweites Tabu und wird in den meisten Ländern strafverfolgt.

Länder, die Moral nicht zur Aufgabe des Strafrechts zählen, haben Inzestgesetze z.T. seit 200 Jahren abgeschafft, z.B. : Frankreich, BeNeLux-Länder, Portugal, Spanien, Russland, China, Japan, Brasilien, …

Das Abendblatt schreibt: „Seinen Ursprung hat diese Regelung im deutschen Gesetzbuch vermutlich in der Bibel. …: „Die Blutschande ist nichts weiter als eine von alters her tradierte Kulturnorm, die vor allem auf mosaisches Recht, in der Bibel das dritte Buch Mose, Kapitel 20, Vers 11, 12, 14, zurückgeht. Das stellte die Ehe und den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Blutsverwandten unter Todesstrafe und distanzierte sich damit ausdrücklich von den Sitten anderer Völker des Altertums.““

· ARD: Übersicht  anderer Länder: http://www.tagesschau.de/inzest4.html

· M.-Planck Institut: InzestGutachten: http://www.mpicc.de/de/data/pdf/05-08-inzest_gutachten.pdf

· Hamburger Abendblatt: http://www.abendblatt.de/daten/2008/11/25/978918.html

Die Strafbarkeit von Inzest entspricht dem Denken der Mehrheit der Bevölkerung und ist gesellschaftlich indiskutabel. Wenn Inzest vom Strafgesetz verboten ist, dann hat das gute Gründe

Der leitende Richter im BVerfG-Urteil, Prof. Winfried Hassemer, hat den §173 als „schweren Fehler des Gesetzgebers“ bezeichnet. Die Grünen fordern die Abschaffung. Die FDP sieht den §173 als überholt an. Die Linken fordern die Infragestellung des BVerfG-Urteils. SPD und CDU/CSU sehen keinen Diskussionsbedarf und halten am §173 fest.

Ex-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger ist überrascht, dass §173 vom BVerfG nicht als verfassungswidrig beurteilt wurde. Die Strafbarkeit von Inzest öffentlich zu hinterfragen sei „unter Politkern“ bislang verpönt.

· Hassemer: „schwerer Fehler“ http://abenteuerwissen.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,7393104,00.html?dr=1

· DieGrünen:http://www.charivari.de/nachrichten/nachrichten_detail.php?nachrichten_id=40790

· FDP: www.verbotene-liebe.info/FDPanRAWilhelm.pdf

· CDU/CSU: http://www.verbotene-liebe.info/Fraktion-CDU-CSU-06-05-2008.pdf

· Die Linke: http://www.verbotene-liebe.info/MdB-Wolfgang-Neskovic-24-04-2008.pdf

Halbgeschwister sind vom §173 nicht erfasst

Halbgeschwister gelten im juristischen Sinne als Geschwister, da sie mindestens einen gemeinsamen Elternteil haben. §173 kommt bei Ihnen daher voll zur Anwendung. Cousin und Cousine dürfen hingegen trotz ihrer Blutsverwandtschaft in Deutschland heiraten.

· Rechtliche Definitionen zu „Verwandtschaft“: http://www.familienrecht.com/familienrecht/definition-verwandschaft.htm

Kinder aus Inzestbeziehungen haben große Schwierigkeiten, ihren Platz im Familiengefüge zu finden und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren nächsten Bezugspersonen aufzubauen".

"Die lebenswichtige Funktion der Familie für die menschliche Gemeinschaft ... wird entscheidend gestört, wenn das vorausgesetzte Ordnungsgefüge ins Wanken gerät."

Dies ist eine der drei Begründungen des BVerfG. Dass Kinder geordnete Familienverhältnisse brauchen ist für die meisten Menschen sicher keine Frage. Dass strafrechtlicher Eingriff für die Aufrechterhaltung der Familienordnung das probate Mittel ist, wird von Professor Hassemer (BVerfG) verneint: „Strafrecht löst Familienprobleme nicht.“

Nicht im klassischen Sinne geordnete Familienverhältnisse existieren auch bei Adoptivkindern, in Patchwork - Familien oder Lebensgemeinschaften Homosexueller. Aus familientherapeutischer Sicht ist das Belastende für Kinder vor allem die Tabuisierung der wahren Verhältnisse und ein Mangel an Liebe. Wer sind wirklich meine Eltern und darf man darüber reden? Lieben sie mich und unterstützen mich in meiner Entwicklung? Ziel aller Entwicklungen sollte in Familien daher das Aufklären der Tabus sein. Dies wird durch §173 nicht erleichtert sondern sogar erschwert.

Indem die Beziehung, aus der Inzestkinder hervorgehen, verboten und der Tabuisierung damit Vorschub geleistet wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die tatsächlichen Herkunftsfragen verschwiegen werden.

Nicht konsequent erscheint auch, dass eventuelle Inzestkinder aus künstlichen Befruchtungen sogar dadurch staatlich gefördert werden, dass diese ihre Herkunft gar nicht erfahren dürfen. Stigmatisierung von Inzestkindern kann nur dort verändert werden, wo ihre Quelle ist: im gesellschaftlichen Denken – durch Ent – Tabuisierung und freies Reden über Fakten.

· Urteilsbegründung des BVG und Sondervotum des leitenden Richters:

www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg08-029.html

§173 ist oft der letzte Strohhalm für Inzestkinder, die sonst gar keine Handhabe gegen Inzesttäter mehr haben

Ein Blick auf Webseiten für Opfer sexuellen Missbrauchs zeigt wie erschreckend verbreitet sexuelle Gewalt in Familien ist und wie schwerwiegend die Traumata der betroffenen Opfer. Die geringen Erfolgsraten bei der Verfolgung der Täter machen verständlich, warum es emotional so wichtig ist, an §173 festzuhalten. Doch ein genauer Blick zeigt, dass §173 sexuellen Missbrauch nur sehr eingeschränkt verfolgt: dann, wenn tatsächlich Beischlaf stattfindet und das nur ab dem 18.Lebensjahr. Sonst ist jede sexuelle Handlung straffrei. Damit greift §173 für die Opfer deutlich zu kurz. Eine umfassendere Handhabe gegen Täter haben Opfer mit §174 (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen), §176 (Sexueller Missbrauch von Kindern) und § 176a (Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern). §173 verstärkt dagegen sogar noch die gesellschaftlich verankerte Ausgrenzung und Diskriminierung von Inzestgeborenen, indem er deren Entstehung unter Strafe stellt. Inzestgeborene auszugrenzen ist inakzeptabel. Sie haben in keiner Weise etwas mit dem Thema zu tun und verdienen genau so viel Liebe und Respekt wie jeder andere Mensch. Sie darüber hinaus als Opfer zu erklären bestätigt das diskriminierende Denken in der Bevölkerung. Keine wirkliche Hilfe, wo Aufklärung angesagt ist.

· http://dejure.org/gesetze/StGB/174.html

· http://dejure.org/gesetze/StGB/176.html

· http://dejure.org/gesetze/StGB/176a.html

· http://www.schotterblume.de/index.php?navid=20&pos=465